Interview Gespräch Teil 2
Teil 2 des Interviews Gespräches zwischen Markus King und Bernhard Huber.Der erste Teil ist bereits veröffentlicht.

Bernhard: Ich habe nur freudige Gesichter bei den Musikern, Sängern und Sängerinnen der Jazz Big Band gesehen.
Markus: Ja, es ist wie ich schon angesprochen habe: die Big Band- Jazz-Musik ist in der Lebens- oder Hörrealität der jungen Menschen kaum wach.Also wenn sie diese Musik hören, hören sie diese vielleicht zufällig im Autoradio der Eltern hervor blubbernd. Sie hören es nicht mehr täglich, es ist keine tägliche Hörerfahrung.
Bernhard: War das je Jazz? In unseren Breitengraden ist es vielleicht Pop. Jazz, vielleicht in den 50er und 60er Jahren mit Peter Alexander.
Markus: Ja, Interessanterweise hin und wieder hat er mit Herrn Rudolf Buchbinder zusammen gespielt. Sie haben beide die Faszination für den Jazz schon auch gespürt.
Vor vielen Jahren habe ich bei der Swingtime Big Band mitgewirkt.
Die Swingtime BigBand hat Musik von Glenn Miller gepflegt, hat sich dann auch, weil Glenn Miller eigentlich ein Militärmusiker bei der Airforce Band gewesen ist, diese Uniformen nachschneiden lassen. Wir haben Konzerte gespielt und auf einem dieser Konzerte ist der damalige Bürgermeister Helmut Zilk aufgetaucht und hat fanatisch getanzt dazu. Er ist zu uns auf die Bühne gekommen und hat für die Leute, die unten auf der Tanzfläche waren, gesprochen. Er hat gesagt, weil wir alle Nachgeborene sind und das nicht so wissen: Versteht bitte, das ist für uns die Musik der Freiheit! Bei den GIs hat die Radiostation das gespielt und für uns war das das Zeichen der Freiheit. Diese unglaubliche Begeisterung, dass die Leute im hohen Alter fanatisch getanzt haben und getobt haben vor Begeisterung bei dieser Band, das war eine tolle Erfahrung. Ja, was Musik auch bedeuten kann.
Bernhard: Wenn man den Sound einer Swing Band und eine konservativ Marschmusikkapelle vergleicht: Bei der Marschmusik geht es schon um den Gleichtakt und nicht um die individuelle Gestaltung und Ausdruck von eigenen Gefühlen.
Markus: Ja, das ist durchaus die Marschmusik, die Blasmusik insgesamt. Sie unterliegt auch einem Wandel. Nur noch mit Polka, Marsch und Walzer kann man heutzutage keine Blaskapelle mehr erhalten. Die Blasmusik ist ja was zeitgenössische Musik betrifft wohl die größte Uraufführer. Wenn ein Komponist heutzutage sicher gehen möchte, dass sein Werk gespielt wird, dann sollte er für die Blasmusik schreiben. Das tun auch viele und auch viele Arrangeure. Man hört heutzutage, dass lebende Komponisten zuhauf in der Blasmusik repräsentiert sind.
Bernhard: Am Naschmarkt waren 2-3 Wochen nach der Jazz BigBand die Musikkapelle aus Großriedenthal. Ich habe gehört, dass sehr viele aus Großriedenthal auch in die Musikschule und sogar die Lehrer kommen dann nach Großriedenthal, weil so viele Schüler von dort sind. Es ist einfacher, wenn ein Lehrer zu Schülern nach Großriedenthal kommt, als viele Schüler zu einem Lehrer.
Markus: Es gelingt nicht immer. Aber ich finde es sehr vernünftig, dass der Lehrer, wenn genug Schüler da sind, sich zu den Filialen bewegt. Wir sind ja eine große Musikschule mit vielen Standorten. Aber es ist günstig, wenn die Schüler fußläufig idealerweise zur Musikschule kommen, oder mit wenig Taxidiensten zusätzlich kommen können, weil es ja für die Familienorganisation auch nicht ganz einfach ist.
Bernhard: Ein Sprung: Kannst du beschreiben, was du empfindest, wenn man Musik macht?
Markus: Ich könnte nur sehr schwer in Worte fassen, was in mir passiert, wenn ich bestimmte Musik habe. Also ich …
Bernhard: Unterscheidest du zwischen machen und hören? Oder ist das eins?
Markus: Es ist fast eins, würde ich sagen. Ich könnte es nur schwer zum Ausdruck bringen. Ja, mir fehlen die Worte. Sie würden mir nur sehr sparsam über die Lippen kommen, wenn ich jetzt ein musikalisches Erlebnis beschreiben möchte. Ich kann gut darüber sprechen, was ich für Strukturen entdecke, das ist meine persönliche Erfahrung. Ich kann natürlich auch vergleichen. Aber die Emotionen in Worte zu fassen, da tue ich mir schwer.
Bernhard: Ist es vielleicht leichter über den Umweg von Bildern?
Markus: Bilder ja.
Bernhard: Momente? Ich kann mich recht gut erinnern, wenn ich Musikstücke wieder höre, wo ich im Moment im Auto unterwegs gewesen bin, also diese örtlich-musikalische Emotionsverbindung.
Markus: Ja, häufig. Nach dem ich schon in einem höheren Alter bin, ist Vergesslichkeit ein Thema. Aber es ist interessant. wie mit Musikstücken verbundene Erlebnisse wieder auftauchen.
Ja, wie sehr mich diese wieder gefangen nehmen können - also nicht im negativen Sinne, durchaus in einem positiven Sinne.
Ein Lied, das wir beim BigBand Programm gespielt haben, war von der Band Matt Bianco: “Half a Minute”- so aus den 80er Jahren. Es ist einem kleinen Zufall geschuldet, dass es im Programm der Swingtime BigBand gelandet ist.
Und zwar - wie immer das Hirn funktioniert hat: Ich habe damals mit der Polizeimusik viele Auftritte gespielt und auf einem großen Ball in St. Pölten gespielt - bis 4 Uhr in der Früh. Wir haben zusammengeräumt und ich habe in St. Pölten noch einen Kaffee getrunken.
Ich wollte sichergehen, dass ich nicht einschlafe, wenn ich nach Hause fahre. Nachdem ich kein geübter Kaffeetrinker war, hat das Koffein voll angeschlagen. Ich bin nach Hause gekommen und war todmüde und konnte nicht schlafen. Ich habe mich auf die Couch gesetzt und habe mich einfach ausgeruht. In diesem Zwischenzustand, zwischen todmüde und vom Kaffee aufgezwirbelt hellwach, fällt mir dieses Stück ein.
Ich habe das Stück in der Zeit, als es ein Hit war, oft gehört und danach nicht mehr wieder.
Mehr oder weniger habe ich das ganze Stück im Kopf gehabt. Es ist diese Musik in mir abgelaufen und diese positiven, ja so quirligen Erinnerungen an diese Zeit damals. Ich habe mich hingesetzt und angefangen, das BigBand Arrangement zu schreiben.
Lacht. So lange wie halt der Kaffee gewirkt hat. Es ist daraus ein fertiges Stück geworden, das dann aufgeführt wurde. Es war eben sicher auch der Motor von diesen positiven Erinnerungen.
Ich bin damals in Wien unterwegs gewesen und man hat gespürt, wie eine graue Stadt plötzlich bunter wird. Es tut sich was im kulturellen Leben, die Leute strahlen mehr Fröhlichkeit aus - das hat jetzt nichts direkt mit der Musik zu tun gehabt. Aber diese Emotionen haben mich sicher auch angetrieben, da dran zu bleiben und das Bigband Arrangement fertig zu schreiben.
Bernhard: Die Musik spiegelt das Ganze wider. Alles, was du erlebst, spiegelt oder hat Einfluss auf die Musik, die du machst - weil du als ganzer Mensch spielst. Ein Zitat von John Coltran, einem Jazzmusiker, dessen 100. Geburtstag sich heuer jährt.
Markus: Es ist bei John Coltran ein Punkt, der mich sehr fasziniert: Es ist für ihn Musik Religion. Es gibt keinen Trennpunkt bei ihm zwischen Religion und Musik. Er hat die Musik sehr intensiv gelebt und war - beinahe mathematisch - analytisch in der Musik drinnen und hat trotzdem so emotional ergreifende Musik geschrieben. Er hat Musik bis ins letzte analysiert und daran gearbeitet. Er hat es teilweise auch so fanatisch betrieben, um sein Problem - das damals wahrscheinlich alle Musiker gehabt haben, sein Drogenproblem loszuwerden. Da hat er sich in die Arbeit hinein geschmissen - in die Analyse. Er hat teilweise mit seinem unfassbaren Wissen, das jetzt noch teilweise versucht wird, aufzuarbeiten, seine Mitmusiker komplett überfordert.
Er hat ein Stück geschrieben, das heißt "Giant Steps" und hat es aufgenommen. Jeder, der diese Aufnahme anhört merkt, dass der Pianist völlig leidet, obwohl er einer der besten Pianisten der damaligen Zeit gewesen ist, weil er einfach mit der Komplexität dieser Musik nicht mehr mithalten kann, weil Coltran plötzlich von den reinen Akkord Strukturen auf Klangfelder umgeschaltet hat. Dem Schlagzeuger ist es ein bisschen besser gegangen. Der Bassist hat sich auf die Grundtöne geklammert und hat abgeliefert. Der Pianist ist, würde ich sagen, geschwommen.Trotzdem, dass diese Aufnahme schwimmt, hört man oder glaube ich, eine gewisse Verbindung zwischen Spiritualität und Musik zu hören.
Bernhard: Bei Verbindung Musikalität und Religiosität war er sicherlich nicht der erste oder einzige Musiker.Bei Johann Sebastian Bach ist die Musik ein Lob Gottes. Er hat die Musik als wohl als Gebet angesehen.
Und eins noch, ich habe einmal gelesen, dass gewisse Akkordfolgen bei Bach 200 Jahre später im Jazz wieder aufgetreten sind.
Markus: Ja. Vielleicht zunächst Bach: Johann Sebastian Bach hat fast keine profane Musik geschrieben. Der hat nur religiöse Musik geschrieben. Es gibt diese legendären Goldbergvariationen, die er als Auftrag geschrieben hat. Das ist eigentlich eine Schlafmusik für einen der Fürsten, der Einschlafprobleme gehabt hat. Ein ehemaliger Schüler, der Pianist dieses Fürsten gewesen ist, hat Johann Sebastian Bach kontaktiert und gesagt: Könntest du mir Schlafmusik schreiben? Aber ansonsten gibt es von Johann Sebastian Bach fast keine profane Musik. Er hat tatsächlich alles zum Lob und nur zum Lob Gottes geschrieben.
Jetzt was die Harmonien von Johann Sebastian Bach und dem Jazz betrifft, das ist tatsächlich so: Akkordverbindungen, die Johann Sebastian Bach verwendet, tauchen oft in der Musikgeschichte auf. Aber er hat auch Dinge vorweggenommen, die im Jazz gang und gäbe sind.
Also, Jazz Musik ist wie jede andere Musik aus bestimmten Bausteinen zusammengebaut. Das unterscheidet die klassische Musik und den Jazz auch, abgesehen von der Improvisation.
Zu Zeiten von Johann Sebastian Bach ist auch sehr viel improvisiert worden. Man hat damals viele Grundrhythmen gehabt oder Grundausdrucksformen z.B.: eine Gigue, einen Geigentanz und eine Sarabande und einen langsamen Schreittanz. Tänze waren sehr aktuell. In der Zeit von Johann Sebastian Bach ist ein sogenannter Generalbass geschrieben worden. Das ist sehr vergleichbar mit dem, was Jazzmusiker haben. Jazz-Musiker arbeiten ja sehr oft nicht nach einzelnen Tönen, sondern nach Akkordsymbolen. Ein Generalbass ist sozusagen ein Grundton plus ein Akkordgerüst wie es zur Zeiten von Johann Sebastian Bach gang und gäbe gewesen ist.
Ein interessanter Konnex ist auch, dass zur Zeit von Johann Sebastian Bach viel improvisiert worden ist. Die Cembalospieler zu dieser Zeit haben einen Generalbass lesen können. Sie haben dann gelesen: Ahh, ich soll das wie eine Gigue spielen und haben gewusst, welche Zerlegungen sie überhaupt hinlegen.
Heutzutage, wenn man einen Jazzmusiker ein Stück hinlegt und sagt, spiele mir ein Bossa Nova, dann weiß er auch, wie er sich verhalten soll. Wenn beim Stück dabei steht, spiele es wie einen Samba, dann weiß er auch, wie er sich zu verhalten hat. Das ist eine große Parallele, wie auch die Akkordstrukturen, die ja mit Johann Sebastian Bach sich schon sehr schlüssig ergeben haben. Da hat Johann Sebastian Bach viele offenen Enden schon zusammengeführt in seiner genialen Art. Das ist heute noch state-of-the-art.
Bernhard: Markus, wir sind leider schon am Ende unseres wunderschönen Interviewgespräch angekommen. Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast.
Markus: Gerne.
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